Stuttgart 21: Falsch verlegte Kabel verzögern Inbetriebnahme bis 2031

SWR-Recherche enthüllt schwerwiegenden Planungsfehler bei Stuttgart 21

Der Bahnhof Stuttgart 21 wird nach einer SWR-Recherche voraussichtlich erst im Jahr 2031 vollständig in Betrieb genommen – und möglicherweise sogar erst 2032. Ursache ist unter anderem ein gravierender Planungsfehler: Die Deutsche Bahn ließ im Zuge des sogenannten Digitalen Bahnknotens über weite Strecken Kabel verlegen, die sich im Nachhinein als ungeeignet erwiesen. Der Großteil dieser Leitungen muss nun ausgetauscht werden.

Mehr als 1.000 Kilometer fehlerhafte Kabelverlegung

Im Kern des Problems steht das European Train Control System (ETCS), mit dem der gesamte Bahnknoten Stuttgart erstmals vollständig digitalisiert werden soll – ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt. Vor etwa vier Jahren stellte die Bahn fest, dass im Randbereich des Knotens noch über Jahre hinweg Güterzüge ohne ETCS-Ausrüstung verkehren werden. Diese Züge benötigen neben der digitalen Infrastruktur weiterhin konventionelle Signalanlagen.

Um diese Doppelausrüstung zu gewährleisten, mussten zusätzliche Kabel und Kabelschächte verlegt werden – allein zwischen Stuttgart-Bad Cannstatt und Waiblingen rund 1.200 Kilometer. Ein Großteil der bereits installierten Leitungen und Schächte entspricht jedoch nicht den technischen Anforderungen und muss ausgetauscht werden, wie mehrere Insider gegenüber dem SWR bestätigten.

Termindruck als Auslöser einer folgenreichen Fehlentscheidung

Laut Insidern wurde der übliche Planungsablauf nicht eingehalten. Normalerweise folgt die Beauftragung von Baufirmen erst nach Abschluss der gemeinsamen Planung zwischen Bahn, Hersteller und Ausführenden. Im Fall Stuttgart 21 wurden die Kabelarbeiten jedoch begonnen, bevor die Planungen abgeschlossen waren.

„Streckensperrungen waren eingerichtet, Baufirmen beauftragt“, schildert ein Insider die damalige Situation. Man entschied sich, die vorhandenen Kapazitäten zu nutzen und die wahrscheinlichsten Standardkabel für Signaltechnik zu verlegen – um keine weiteren Verzögerungen zu riskieren. Das Ergebnis ist paradox: „Wir wollten den Eröffnungstermin von Stuttgart 21 nicht gefährden“, so der Insider – und verschob ihn damit um mehrere Jahre.

Deutsche Bahn und Hitachi äußern sich zurückhaltend

Auf eine schriftliche Anfrage des SWR reagierte die Deutsche Bahn ausweichend. Die Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH sei damit beauftragt, bis spätestens Mitte 2026 ein neues Inbetriebnahmekonzept zu erarbeiten. Bis dahin bitte man um Verständnis, dass keine inhaltliche Stellungnahme möglich sei.

Auch der Hersteller der digitalen Leit- und Sicherungstechnik, das Unternehmen Hitachi, äußerte sich nur eingeschränkt. Der SWR konnte im April 2026 erstmals seit Jahren den deutschen Hitachi-Standort in Ditzingen (Kreis Ludwigsburg) besuchen. Vertriebsdirektor Yves Sterbak räumte ein: „Natürlich – bei so vielen großen Projekten gibt es manchmal auch einen Dissens. Aber der wird aus meiner Sicht zielorientiert und partnerschaftlich angegangen und gelöst.“ Zu konkreten Vorwürfen im Zusammenhang mit Stuttgart 21 verwies Sterbak auf vertragliche Beschränkungen.

Bahnexperte spricht von einem „Saustall“

Der Berliner Bahnexperte und Berater Hans Leister, der dem SWR die fehlerhaften Kabelschächte begutachtete, zog ein vernichtendes Urteil: „Das scheint alles nicht nach Plan zu laufen. Das ist keine Baustelle, das ist ein Saustall.“

Leister, der selbst mehrere Jahre als Manager bei der Deutschen Bahn tätig war, erläuterte zudem die Kostenimplikationen: Die Bahn habe nach eigenen Angaben 450 Signale neu verbaut. „Ein Signal rechnet man ungefähr mit 100.000 Euro, mit allem Drum und Dran“ – was einer Gesamtsumme von rund 45 Millionen Euro entspräche. Die Bahn wollte sich zu dieser Kostenschätzung nicht konkret äußern.

Inbetriebnahme 2031 – oder später?

Insider berichten gegenüber dem SWR, dass die Projektverantwortliche Evelyn Palla bei einer für den 26. Juni 2026 angekündigten Pressekonferenz eine Gesamtinbetriebnahme im Jahr 2031 verkünden werde. Die Stuttgarter Zeitung berichtet sogar von einem möglichen Szenario bis 2032.

Die falschen Kabel sind dabei nicht der einzige Verzögerungsgrund. Laut Insidern spielen auch Probleme mit der Notstromversorgung sowie Baumängel an den Bahnsteigen eine Rolle. Baden-Württemberg trägt die Konsequenzen eines Projekts, dessen Planungs- und Ausführungsmängel sich seit 16 Jahren akkumulieren.