Schuldenerlass als Rekrutierungsinstrument: Moskau verschärft finanzielle Anreize für Frontkämpfer

Neues Gesetz soll Freiwilligenzahlen stabilisieren

Der russische Präsident Wladimir Putin hat am 25. Mai ein Gesetz unterzeichnet, das Frontkämpfern und ihren Familienangehörigen den Erlass überfälliger Kredite gewährt. Die Maßnahme zielt darauf ab, den spürbaren Rückgang der Freiwilligenzahlen für den Krieg in der Ukraine zu bremsen.

Das auf dem offiziellen russischen Rechtsportal veröffentlichte Gesetz gilt für Bürger, die ab dem 1. Mai 2026 einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium für mindestens ein Jahr unterzeichnen, sowie für deren Angehörige. Der Schuldenerlass ist bedingungslos und umfasst Darlehen bis zu einem Gesamtbetrag von 10 Millionen Rubel (umgerechnet rund 120.000 Euro).

Tod oder schwere Verwundung beenden Kreditverpflichtungen

Das Gesetz sieht zudem vor, dass Kreditverpflichtungen von Vertragssoldaten und ihren Familien erlöschen, sofern ein Soldat an der Front stirbt oder schwer verwundet wird. Putin hatte bereits im Herbst 2024 ein ähnliches Gesetz unterzeichnet, das Schuldenerlass für jene vorsah, die nach dem 1. Dezember 2024 einen Vertrag unterzeichnet hatten.

Nach Angaben des Sprechers der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, wurden seit dem vollständigen Einmarsch in die Ukraine insgesamt 164 Gesetze zur Unterstützung von Kombattanten verabschiedet.

Umfangreiches Vergünstigungspaket seit 2022

Die finanziellen Anreize für potenzielle Frontkämpfer sind erheblich. Auf einschlägigen russischen Websites werden Einmalzahlungen ab rund 5.000 Euro, monatliche Gehälter sowie Prämien aufgeführt. Hinzu kommen bevorzugte Hochschulzulassungen, günstige Hypotheken und kostenlose Grundstücke.

Laut der Website veteran-svo.ru können Vertragssoldaten im laufenden Jahr beim Vertragsabschluss mit dem Verteidigungsministerium bis zu 4,5 Millionen Rubel (rund 50.000 Euro) erhalten — dies bei einem russischen Mindestlohn von knapp über 152 Euro monatlich.

Rekrutierungszahlen rückläufig trotz Rekordboni

Ungeachtet des umfangreichen Anreizpakets sinkt die Zahl der Vertragssoldaten messbar. Wie die Deutsche Welle unter Berufung auf Janis Kluge vom Deutschen Institut für Internationale Sicherheitsprobleme (SWP) berichtet, unterzeichneten im ersten Quartal 2026 täglich zwischen 800 und 1.000 Personen einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium — rund 20 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Insgesamt schätzt Kluge, dass seit Anfang 2026 etwa 70.500 Vertragssoldaten rekrutiert wurden. Zum Vergleich: Präsident Putin hatte Mitte Mai 2025 noch erklärt, monatlich würden bis zu 60.000 Freiwillige für die Front gewonnen.

Politologe: Kreml bereitet sich auf langen Krieg vor

„Putins Dekret über den Erlass von Darlehen ist in erster Linie ein Instrument zur Rekrutierung neuer Vertragssoldaten, ohne eine neue Massenmobilisierung auszulösen“, erklärte der Politologe Aleksandar Djokic gegenüber Euronews. Der Kreml setze auf finanzielle Motivation — Zahlungen, Vergünstigungen und nun Schuldenerlass —, vor allem für Menschen aus wirtschaftlich schwachen und verschuldeten Regionen.

„Das zeigt, dass sich die Regierung auf einen langen Krieg vorbereitet und versucht, den Zustrom von Menschen mit wirtschaftlichen Anreizen aufrechtzuerhalten“, so Djokic weiter.

Druck auf Studenten und Gefangene nimmt zu

Parallel zu den finanziellen Anreizen verschärft sich der Druck auf andere Bevölkerungsgruppen. Ende 2025 und verstärkt im Jahr 2026 wurden Studenten russischer Universitäten — bis hin zur Moskauer Staatsuniversität — systematisch zum Dienst in Einheiten für unbemannte Systeme gedrängt. Studenten mit nicht bestandenen Prüfungen wurden demnach besonders aktiv angeworben.

Besonders gravierend sind Berichte über Zwang gegenüber Gefangenen. Radio Liberty berichtete über Häftlinge aus der Region Pensa, die nach Aussagen von Angehörigen durch Schläge, stundenlange körperliche Strapazen und Vergewaltigungsdrohungen zur Unterzeichnung von Verträgen gezwungen wurden. Ein 57-jähriger Häftling soll nach derartigen Misshandlungen einen Vertrag unterzeichnet und sich einer Angriffskompanie angeschlossen haben.

Institute warnen vor weiterer Eskalation der Zwangsmaßnahmen

Das Institute for the Study of War (ISW) bestätigt den Trend zur verdeckten Zwangsmobilisierung. So soll der Gouverneur der Region Rjasan seit dem 20. März mittlere und große Unternehmen verpflichtet haben, Mitarbeiter für Verträge mit dem Verteidigungsministerium auszuwählen.

Das in London ansässige Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) warnt in seinem Bericht „The Coming Crisis in Russia’s Political Economy“ vor einer drastischen Verschärfung: Vollmobilisierung, Grenzschließungen, Abbau bürgerlicher Freiheiten und Übergang zu einer Kommandowirtschaft nach sowjetischem Vorbild. Teile dieser Prognose haben sich bereits bewahrheitet, darunter weitreichende Beschränkungen ausländischer Messenger-Dienste und Internetplattformen.

Gefangenenzahlen als Indikator

Die Zahl der Gefangenen in Russland ist in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 180.000 Personen oder rund 40 Prozent gesunken — ein Rückgang, der nach Einschätzung von Beobachtern maßgeblich auf die Entsendung von Häftlingen an die Front zurückzuführen ist. Das Menschenrechtsprojekt Gulagu.net schätzt, dass die russische Armee seit 2022 mehr als 180.000 Gefangene rekrutiert hat.

Mediazona und der BBC Russian Service bestätigten bis Ende März 2026 den Tod von über 23.000 ehemaligen Häftlingen im Kriegseinsatz. Ab Januar 2025 wurden Gefangenen per Regierungsdekret die bis dahin gewährten Einmalzahlungen gestrichen, was den Widerstand gegen Zwangsrekrutierungen nach Berichten von Angehörigen weiter verschärft hat.