Nach Sky-Übernahme: RTL Group hebt Umsatzprognose um eine Milliarde Euro an

Ein Samstagabendspiel als Sinnbild einer neuen Strategie

Es war eine Begegnung der zweiten Fußball-Bundesliga, sportlich noch ohne besondere Brisanz, die jedoch im Hause RTL als programmatisches Signal gewertet wurde: Die Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und dem 1. FC Kaiserslautern lief gleichzeitig im frei empfangbaren Fernsehen und auf dem Bezahlsender Sky — ein Doppelauftritt, der erst durch die abgeschlossene Übernahme von Sky Deutschland möglich geworden war. RTL hatte das Rechtepaket für das Samstagabendspiel der zweiten Liga bereits Ende Dezember 2024 erworben; die vollständigen Liverechte für das Unterhaus bis zur Saison 2028/2029 liegen indes bei Sky. Diese Konstellation, die auf den ersten Blick wie eine technische Randnotiz wirkt, illustriert die operative Logik, die hinter dem milliardenschweren Zukauf steht: Reichweite und Erlöse aus dem Bezahlsegment sollen künftig Hand in Hand wachsen.

Die Halbjahreszahlen und der Sky-Effekt

Seit dem 1. Juni gilt die Übernahme von Sky Deutschland als vollzogen. Die Fußball-Sommerpause, die naturgemäß mit vergleichsweise geringen Produktionskosten einhergeht, hat den Zukauf mit einem spürbaren Einmaleffekt in den Halbjahreszahlen der RTL Group niederschlagen lassen. Das operative Ergebnis — gemessen als bereinigtes Ebita — legte um 49,4 Prozent auf 239 Millionen Euro zu, nach 160 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Ohne den Sky-Beitrag hätte das Plus lediglich 18 Millionen Euro betragen. Ähnlich verhält es sich beim Umsatz: Der Gesamtwert belief sich auf 2,89 Milliarden Euro, ein Zuwachs von 3,9 Prozent; bereinigt um Sky lag das Wachstum bei kaum messbaren 0,1 Prozent. Die im M-Dax notierte Aktie reagierte am Dienstagnachmittag mit einem leichten Kursplus.

Das strukturelle Problem des Werbemarkts

Knapp 1,4 Milliarden Euro des Halbjahresumsatzes — ein leichtes Minus von 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum — stammen aus der Werbevermarktung, und die Zusammensetzung dieser Zahl beschreibt eine Verschiebung, die die gesamte Branche kennzeichnet. Das klassische TV-Werbegeschäft verzeichnete einen Rückgang von vier Prozent, während die digitalen Werbeeinnahmen um 10,9 Prozent auf 255 Millionen Euro zulegten. Dennoch stammt das Gros der Werbeerlöse — rund 977 Millionen Euro — nach wie vor aus dem linearen Fernsehen. Das Wachstum im Digitalen ist real, aber es kompensiert den Schwund im klassischen Geschäft noch nicht in ausreichendem Tempo, ein Befund, der für RTL keine Überraschung darstellt, aber den strategischen Handlungsdruck verdeutlicht.

Streaming: Vom Anlaufverlust zur Profitabilität

Umso stärker richtet der neue Konzernchef Clément Schwebig den Blick auf das Streaminggeschäft. Der 49-jährige Franzose hatte im Mai die Führung von Thomas Rabe übernommen, der den RTL-Mutterkonzern Bertelsmann noch bis Ende des Jahres leitet. Schwebig konnte in der Telefonkonferenz nach Vorlage der Zahlen von einem „Wendepunkt“ sprechen: Der Streamingbereich schreibt seit dem ersten Quartal 2025 operativ schwarze Zahlen — nach Jahren, in denen Anlaufkosten das Ergebnis belasteten. Aus den 31 Millionen Euro operativem Gewinn nach sechs Monaten sollen bis zum Jahr 2026 rund 100 Millionen Euro werden, gut doppelt so viel wie bislang prognostiziert. Die Abonnentenbasis von RTL+ in Deutschland und Ungarn sowie dem französischen Dienst M6+ belief sich Ende Juni auf 8,73 Millionen, nach 7,23 Millionen ein Jahr zuvor. Rund 7,6 Millionen davon entfallen auf den deutschen Dienst, von denen etwa die Hälfte über ein Kombipaket mit der Deutschen Telekom abonniert wurde — ein Modell, das zwar Reichweite sichert, für RTL aber weniger lukrativ ist als direkt abgeschlossene Abonnements. Zusammen mit den Sky-Kunden kommt RTL im deutschsprachigen Raum auf 12,4 Millionen Abonnenten und positioniert sich damit als Nummer drei hinter Amazon Prime Video und dem Marktführer Netflix.

Sportrechte als strategisches Schlachtfeld

Das Portfolio an Sportrechten war ein zentrales Motiv für die Sky-Übernahme. Neben einem Teil der Erstliga-Begegnungen der Fußball-Bundesliga umfasst es die englische Premier League sowie die Formel 1 — Inhalte, die eine zahlungsbereite Zuschauerschicht an Bezahlplattformen binden. Schwebig verwies in diesem Zusammenhang auf die Erfahrungen in Frankreich: Der Sender M6 erzielte während der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni die höchsten Marktanteile bei den unter Fünfzigjährigen seit 24 Jahren und verzeichnete gleichzeitig eine außergewöhnlich hohe Nachfrage seitens der Werbekunden. Dieser Befund stützt die These, dass Livesport nicht allein Abonnenten generiert, sondern auch das klassische Werbeinventar aufwertet.

Doch das Feld der Sportrechte ist zunehmend umkämpft. Netflix sicherte sich Ende 2024 die US-Rechte an der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2027 und 2031 und signalisiert damit, dass das Streaminggeschäft mit Livesport für den Marktführer künftig eine größere Rolle spielen soll. Paramount hat für den deutschen Markt ab der Saison 2027/2028 das Gros der Champions-League-Spiele erworben, die dann auf Paramount+ zu sehen sein werden. Amazon hält weiterhin sein sogenanntes Top-Spiel-Paket und darf sich am jeweiligen Spieltag eine Mittwochspartie auswählen. RTL seinerseits setzt auf Kooperationen, etwa mit HBO Max, um das eigene Angebot zu verbreitern und im Wettbewerb mit den US-amerikanischen Plattformkonzernen bestehen zu können.

Synergien, Stellenabbau und die Jahresprognose

Die Attraktivität von Sportrechten hat ihren Preis. Die Ausgaben für Bundesliga, Formel 1 und weitere Lizenzen dürften ein wesentlicher Grund dafür sein, dass RTL für das Gesamtjahr den erwarteten operativen Ergebnisbeitrag von Sky mit plus minus null beziffert. RTL-Finanzchef Björn Bauer wertete dies dennoch als Erfolg, gemessen an den jahrelangen Verlusten, die Sky Deutschland als eigenständiges Unternehmen angehäuft hatte; erste Synergieeffekte seien bereits erkennbar. Ab dem dritten Jahr nach der Übernahme sollen diese Synergien ein Volumen von 250 Millionen Euro jährlich erreichen. Ob und in welchem Umfang weitere Stellenstreichungen geplant sind, ließen Schwebig und Bauer am Dienstag offen. RTL Deutschland hatte Anfang Dezember 2025 den Abbau von rund 600 Arbeitsplätzen angekündigt, mit dem Ziel, sich stärker auf das Streaminggeschäft auszurichten.

Die Jahresumsatzprognose wurde infolge der vollzogenen Sky-Übernahme um gut eine Milliarde Euro auf bis zu 7,2 Milliarden Euro angehoben. Die Prognose für das operative Ergebnis bleibt hingegen mit rund 725 Millionen Euro unverändert. Für das zweite Halbjahr erwartet RTL auch eine Erholung bei der Produktionstochter Fremantle, deren Umsatz zum Halbjahr um 7,7 Prozent auf 835 Millionen Euro zurückgegangen war; gefragte Produktionen sollen die Zahlen wieder beleben. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich spätestens zeigen, wenn die Bundesliga-Saison in knapp zwei Wochen beginnt — und Sky-Abonnenten sowie Free-TV-Zuschauer gleichermaßen vor den Bildschirmen versammelt werden sollen.