Ein Jahr Nationalgarde in Washington: Weniger Diebstähle, kaum Wirkung auf Gewalt – und hohe Kosten

Es ist später Abend am Dupont Circle, einem der belebtesten Plätze der amerikanischen Hauptstadt. Zwischen Cafés und Wohnhäusern patrouillieren zwei Soldaten in Tarnuniform, Gewehre umgehängt, Blick auf die Passanten gerichtet. Die Szene ist längst Alltag in Washington, D.C. – und sie ist das sichtbarste Ergebnis einer politischen Entscheidung, die vor genau einem Jahr die Stadt verändert hat.

Im Januar 2025 erklärte Präsident Donald Trump die Kriminalität in Washington zum nationalen Notstand und ordnete den Einsatz der Nationalgarde auf den Straßen der Hauptstadt an. Er sprach von einem „Befreiungstag“ für die Stadt und versprach, Washington „sicher und schön“ zu machen. Aus den anfänglich rund 800 Soldaten sind inzwischen mehr als 4.600 geworden. Das Pentagon hat den ursprünglich befristeten Einsatz bis Januar 2029 verlängert.

Die Begründung für den Einsatz war von Beginn an umstritten. Die offiziellen Kriminalitätsstatistiken zeigten damals, dass die Gewaltkriminalität in Washington nach dem pandemiebedingten Anstieg deutlich zurückgegangen war und kurz vor Trumps Ankündigung den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten erreicht hatte. Kritiker bezweifelten entsprechend, ob die Voraussetzungen für einen Notstand überhaupt gegeben waren.

Washington, D.C. nimmt verfassungsrechtlich eine Sonderstellung ein: Anders als die Bundesstaaten untersteht die Hauptstadt in zahlreichen Bereichen direkt der Bundesregierung, was dem Präsidenten eine unmittelbare Kontrolle über die dortige Nationalgarde ermöglicht. In Städten wie Los Angeles oder Chicago haben Gerichte vergleichbare Einsätze eingeschränkt. In Washington entfällt dieser rechtliche Mechanismus weitgehend.

Unter den Bewohnern der Stadt gehen die Einschätzungen deutlich auseinander. Eine Frau, die auch spätabends mit ihrem Hund spazieren geht, sagt, die Anwesenheit der Soldaten vermittle ihr ein Gefühl von Sicherheit. Ein junger Mann aus der Nähe des Dupont Circle äußert sich ähnlich. Zwei Frauen Anfang dreißig hingegen geben an, sich durch den Einsatz der „Militärtruppe“ eher etwas unsicherer zu fühlen als zuvor. Nkemka, ebenfalls Bewohnerin der Stadt, nennt den Einsatz eine „kolossale Verschwendung von Steuergeldern“ und sieht keinen sachlichen Grund für die Präsenz der Soldaten.

Was die verfügbaren Daten tatsächlich zeigen, hat das Niskanen Center untersucht, ein als moderat eingestufter Washingtoner Thinktank. Die Forscher verglichen die Kriminalitätszahlen vor und nach Beginn des Einsatzes und kamen zu einem differenzierten Befund: Die Nationalgarde hat die Zahl sogenannter opportunistischer Eigentumsdelikte – also Autoaufbrüche, Taschendiebstähle und ähnliche Gelegenheitsstraftaten – um rund 24 Prozent gesenkt. Bei Gewaltverbrechen wie Raubüberfällen oder bewaffneten Angriffen hingegen ließ sich kein nennenswerter Effekt nachweisen.

Richard Hahn, einer der Autoren der Studie, erklärt diesen Befund mit der räumlichen Verteilung des Einsatzes. Die Soldaten patrouillieren rund um Bundesgebäude, auf der National Mall, an Metrostationen und anderen touristisch stark frequentierten Orten. „Das sind normalerweise keine Orte, an denen schwere Gewaltverbrechen passieren“, sagt Hahn. Taschendiebstähle seien dort deutlich wahrscheinlicher als bewaffnete Auseinandersetzungen. Die sichtbare Präsenz sei denn auch das erklärte Ziel. Hinzu kommt eine strukturelle Einschränkung: Die Soldaten können Verdächtige zwar vorübergehend festhalten, Festnahmen bleiben jedoch der regulären Polizei vorbehalten.

Aktuelle Polizeidaten zeigen, dass die Gewaltkriminalität in Washington im laufenden Jahr sogar leicht über dem Niveau von 2025 liegt, vor allem infolge eines Anstiegs bei Körperverletzungen – ein Hinweis darauf, dass der Einsatz strukturelle Sicherheitsprobleme der Stadt nicht adressiert.

Hahn macht im Gespräch deutlich, dass der Einsatz zwar einen messbaren, aber unverhältnismäßig teuren Effekt erzielt. Ein Nationalgardist kostet den Berechnungen der Forscher zufolge pro Tag rund 607 US-Dollar, ein regulärer Polizeibeamter in Washington dagegen etwa 384 US-Dollar. Dieselben Mittel wären nach Einschätzung der Forscher im Bereich der Polizeiarbeit wirksamer eingesetzt worden. Kritiker verweisen zudem auf die symbolische Dimension: Der Einsatz militärischer Kräfte in einer zivilen Hauptstadt stelle eine Militarisierung des öffentlichen Raums dar und greife in die ohnehin begrenzte Selbstverwaltung Washingtons ein. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe „Free DC“ organisieren seit Monaten regelmäßige Protestaktionen gegen den Einsatz.

Die Trump-Administration wertet den Einsatz weiterhin als Erfolg. Die Verlängerung bis Januar 2029 ist beschlossen – es sei denn, der Präsident beendet ihn vorzeitig. An den Metrostationen und vor den Museen der Hauptstadt stehen die Soldaten unterdessen weiter Wache, werden von Touristinnen und Touristen um Selfies gebeten und patrouillieren durch eine Stadt, die über die Frage ihrer eigenen Sicherheit nach wie vor gespalten ist.