Es war der 16. August 2021, als Deutschland seine Evakuierungsoperation aus Kabul anlaufen ließ — wenige Tage nachdem die Taliban die afghanische Hauptstadt ohne nennenswerten Widerstand eingenommen hatten. Der Zusammenbruch der Islamischen Republik Afghanistan vollzog sich in einem Tempo, das selbst erfahrene Militärs und westliche Nachrichtendienste überraschte. Was folgte, war eine der operativ anspruchsvollsten und politisch heikelsten Missionen der Bundeswehr seit ihrer Gründung.
Der Grundstein für jenes Chaos war Jahre zuvor gelegt worden. Im Februar 2020 unterzeichneten die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump in Doha ein Abkommen mit den Taliban, das einen vollständigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan vorsah. Im Gegenzug verpflichteten sich die Taliban, amerikanische Kräfte nicht mehr anzugreifen und mit der bestehenden afghanischen Regierung zusammenzuarbeiten. Doch die Vereinbarung erwies sich als fragil: Während die amerikanischen Truppen ihre Stellungen räumten, rückten die Taliban Provinz für Provinz vor. Die afghanischen Sicherheitskräfte, über Jahre mit westlicher Hilfe aufgebaut, verloren sukzessive die Kontrolle. Eine Stadt nach der anderen fiel, bis schließlich Kabul selbst in die Hände der Taliban überging.
Brigadegeneral Jens Arlt, damals Kommandeur der Luftlandebrigade 1 und damit zuständig für etwaige militärische Evakuierungsoperationen im Ausland, erfuhr von seinem Einsatzbefehl mitten auf einem Kindergeburtstag in der eigenen Familie. Den gesamten Tag über habe er telefoniert, statt an der Feier teilzunehmen, erinnert er sich in einem Exklusivinterview mit BR24. Irgendwann blieb ihm keine Wahl mehr: erst in die Kaserne, dann zum Flughafen — und schließlich nach Kabul.
Was Arlt dort vorfand, beschreibt er als sensorische wie moralische Überwältigung. Der Gestank nach Müll und Exkrementen sei so durchdringend gewesen, dass noch heute „alle Sinnesorgane schreien“ würden. Vor den Toren des Flughafens drängten sich Tausende Menschen. Kinder wurden über Absperrungen gereicht oder zurückgelassen. Die Soldaten standen vor der Aufgabe, berechtigte Personen aus der Masse herauszufiltern und in den Flughafenbereich zu schleusen — eine Aufgabe, die durch die aus Berlin eingehenden Namenslisten zusätzlich erschwert wurde.
Diese Listen wurden laufend länger, enthielten teils fehlerhafte oder unvollständige Angaben und spiegelten die Unübersichtlichkeit der politischen Koordination wider. Der spätere Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages legte diese Mängel detailliert offen. Arlt bezeichnet den ihm erteilten Auftrag rückblickend als „unerfüllbar“: Es sei für ihn und seine Einheit eine schwere psychische Belastung gewesen zu wissen, dass nicht alle evakuierungsberechtigten Personen ausgeflogen werden konnten. Er habe seine Soldatinnen und Soldaten ausdrücklich aufgefordert, offen über das Erlebte zu sprechen. Überliefert ist sein Satz: „Wenn ihr weinen müsst, dann weint. Euer Kommandeur tut es auch.“
Am 26. August 2021 spitzte sich die Lage weiter zu. Unmittelbar vor dem geplanten Abflug der letzten deutschen Maschinen waren zwei Soldaten nicht auffindbar. Arlt ließ mehrfach durchzählen, während andere Nationen auf den sofortigen Start drängten. Gleichzeitig lagen Informationen vor, wonach die Start- und Landebahn angegriffen werden könnte — ein Szenario, das den Abflug aller verbleibenden Maschinen unmöglich gemacht hätte. Kurz zuvor hatte ein Selbstmordanschlag in unmittelbarer Nähe des Flughafens mehrere amerikanische Soldaten das Leben gekostet.
Die beiden Vermissten stellten sich schließlich als wohlauf heraus: Sie befanden sich bei US-amerikanischen Kräften, hatten nach dem Anschlag Schutz gesucht und waren mit Vorbereitungen zur Rückverlegung beschäftigt gewesen. Eine Möglichkeit, mit einer anderen Maschine auszufliegen, bestand für sie. Arlt entschied sich angesichts der Gesamtlage für diesen Weg — und übermittelte die Informationen zum „Notfallstart“ per Textnachricht nach Berlin, auf der offenen Laderampe liegend. Die Entscheidung, die beiden Männer vorübergehend zurückzulassen, bezeichnet er heute als die „schwierigste Entscheidung“ seiner militärischen Laufbahn.
Wenige Stunden später trat Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vor die Kameras und erklärte die Operation für beendet. „Bis zum letzten möglichen Moment“ hätten die Kräfte vor Ort alles getan, um so viele Menschen wie möglich außer Landes zu bringen, sagte sie. Alle deutschen Soldaten seien ausgeflogen.
Bei einer Zwischenlandung außerhalb Afghanistans sah Arlt die beiden zurückgelassenen Soldaten schließlich wieder. Sie meldeten sich — wie er es mit einem Schmunzeln schildert — „militärisch korrekt“ mit den Worten „melden uns verspätet, Herr General“ zurück. In jenem Moment sei er „heilfroh“ gewesen, dass alle beisammen waren.
Fünf Jahre nach diesen Ereignissen zieht Arlt, der heute im 1. Deutsch-Niederländischen Korps in Münster dient, eine differenzierte Bilanz. Von einem „Desaster“ will er mit Blick auf den gesamten Afghanistandeinsatz nicht sprechen: Es sei gelungen, einer Generation Afghanen Zugang zu Bildung und ein anderes Lebensmodell zu eröffnen. Dass dieses Engagement sich nicht als dauerhaft erwiesen habe, sei jedoch nicht zu leugnen. Für künftige Stabilisierungseinsätze vergleichbarer Art brauche es, so Arlt, einen längeren politischen und militärischen Atem — eine Schlussfolgerung, die angesichts der dokumentierten Koordinationsmängel und der Geschwindigkeit des Zusammenbruchs kaum zu bestreiten ist.
