Vier hochrangige KI-Forscher verlassen Google innerhalb von sechs Tagen
Alphabet Inc. verliert in rascher Folge führende Köpfe seines wichtigsten KI-Projekts: Innerhalb von nur sechs Tagen haben vier leitende Forscher Google verlassen, um zu den Konkurrenzunternehmen Anthropic PBC und OpenAI zu wechseln. Betroffen ist vor allem das Gemini-Modell, Googles strategisch bedeutendstes Vorhaben im Bereich der generativen künstlichen Intelligenz. Dies berichtet Bloomberg News unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Adler und Pritzel: Zwei Schlüsselarchitekten des Gemini-Modells wechseln zu Anthropic
Jonas Adler und Alexander Pritzel, beide intern als zentrale Architekten des Gemini-Modells betrachtet, sollen zum Hersteller des Claude-Assistenten wechseln, wie Quellen unter der Bedingung der Anonymität mitteilten. Adler war maßgeblich an Googles KI-gestützten Programmierprojekten beteiligt, Pritzel am Training von KI-Systemen.
Keines der beiden Unternehmen hat die Wechsel offiziell bestätigt. Auch über den genauen Zeitpunkt der Abgänge sowie die künftigen Positionen bei Anthropic ist nichts bekannt.
Vorausgegangen: Nobelpreisträger Jumper und Transformer-Pionier Shazeer
Den Abgängen von Adler und Pritzel waren bereits zwei weitere aufsehenerregende Wechsel vorausgegangen. John Jumper, Nobelpreisträger für Chemie und früherer Leiter der Entwicklung von AlphaFold2 bei Google DeepMind, hatte zuvor seinen Wechsel zu Anthropic angekündigt. Sein offizieller Arbeitsbeginn dort wird erst für das kommende Jahr erwartet.
Noam Shazeer, einer der Hauptentwickler der Transformer-Architektur und Ko-Leiter des Gemini-Modells, bestätigte seinerseits, zu OpenAI zu wechseln. Shazeer hatte Google bereits 2021 verlassen, nachdem das Unternehmen die Markteinführung eines von ihm entwickelten Chatbots abgelehnt hatte. Er gründete daraufhin Character.AI, das Google später für 2,7 Milliarden US-Dollar übernahm — mit dem ausdrücklichen Ziel, Shazeer zurückzugewinnen. Nun verlässt er das Unternehmen erneut, weniger als zwei Jahre nach seiner Rückkehr.
Umverteilung von Rechenressourcen als möglicher Auslöser
Im Fall Shazeer scheint ein interner Ressourcenkonflikt den Abgang begünstigt zu haben. Kurz vor seiner Ankündigung wurden Rechenkapazitäten, die einem seiner Projekte zugewiesen waren, an ein in London ansässiges Team bei Google DeepMind übertragen. Die Maßnahme sollte laut Unternehmensangaben die teamübergreifende Zusammenarbeit stärken und das sogenannte Pre-Training — die initiale Phase der KI-Entwicklung, in der Modelle aus umfangreichen Datensätzen lernen — effizienter gestalten.
Anthropics gezielte Rekrutierungsstrategie
Die Abwerbungen erscheinen strategisch kalkuliert. Bereits im Mai hatte Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI und ehemaliger KI-Direktor bei Tesla, Anthropics Pre-Training-Team verstärkt. Die nachfolgende Rekrutierung mehrerer Google-Forscher deutet darauf hin, dass Anthropic systematisch die Forschungskapazitäten ausbaut, die für die Kernfähigkeiten künftiger Claude-Modelle verantwortlich sind.
Das Training großer KI-Modelle erfordert Entscheidungen über Architektur, Datenvorbereitung, verteilte Recheninfrastruktur und nachgelagerte Trainingsmethoden. Forscher mit Erfahrung im Maßstab des Gemini-Projekts sind entsprechend schwer kurzfristig zu ersetzen.
Börsenreaktion und strukturelle Wettbewerbsvorteile Googles
Die Talentabwanderung schlug sich unmittelbar an den Kapitalmärkten nieder. Die Alphabet-Aktie verlor am 22. Juni rund fünf bis sechs Prozent an Wert, was einem Marktwertverfall von etwa 225 Milliarden US-Dollar entsprach. Analysten führten den Kursrückgang unter anderem auf Bedenken hinsichtlich der KI-Ausgaben und der Fähigkeit Googles zurück, führende Forschungstalente zu halten.
Einige Marktbeobachter relativieren die Bedeutung der Abgänge jedoch. Google beschäftigte im ersten Quartal 2026 rund 194.700 Mitarbeiter — ein Anstieg von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die strukturellen Wettbewerbsvorteile des Unternehmens bleiben erheblich: Fünf Google-Anwendungen zählen jeweils bis zu drei Milliarden Nutzer, und die eigens entwickelten Tensor Processing Units (TPUs) verschaffen dem Konzern signifikante Kostenvorteile bei der Rechenleistung.
Komplexes Geflecht aus Konkurrenz und Partnerschaft
Der Wettbewerb wird durch die gleichzeitig bestehenden Geschäftsbeziehungen zwischen den beteiligten Unternehmen zusätzlich verkompliziert. Anthropic konkurriert zwar direkt mit Googles Gemini-Modellen, ist jedoch zugleich auf Google als Infrastrukturpartner angewiesen. Im April 2025 hatte Anthropic eine erweiterte Vereinbarung mit Google und Broadcom über Kapazitäten der nächsten Generation von Tensor Processing Units im Gigawatt-Bereich bekannt gegeben.
Adler, Pritzel, Jumper und Shazeer reagierten nicht auf Anfragen zur Stellungnahme. Anthropic lehnte eine Kommentierung ab.
