Ein beispielloser politischer Aufstieg im deutschen Südwesten
Als Sohn zweier türkischer Gastarbeiter, der in der Schule als Problemschüler galt, übernimmt Cem Özdemir nun das Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg – einem der bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Bundesländer Deutschlands. Der 60-jährige Grünen-Politiker bezeichnet seine bevorstehende Wahl zum Regierungschef des Südwestens als den „absoluten Höhepunkt“ seines Lebens.
Özdemir wurde in Bad Urach am Fuße der Schwäbischen Alb geboren. Seine Mutter betrieb eine Änderungsschneiderei, sein Vater arbeitete in mehreren Fabriken.
Schwieriger Schulweg, politischer Aufstieg auf Umwegen
Der junge Cem Özdemir hatte in der Schule erhebliche Schwierigkeiten. Nachbarn und Freunde halfen ihm bei den Hausaufgaben; zu seiner damaligen Nachhilfelehrerin pflegt er bis heute Kontakt.
Auf dem zweiten Bildungsweg erwarb er die Fachhochschulreife und studierte anschließend Sozialpädagogik. Seit 1981 ist er Mitglied der Grünen.
Im Jahr 1994 zog Özdemir erstmals in den Deutschen Bundestag ein – als erster Abgeordneter mit türkischen Wurzeln in der Geschichte des Parlaments.
Rücktritt, Auszeit und Rückkehr
Auf den raschen Aufstieg folgte ein politischer Einbruch: Nachdem bekannt geworden war, dass Özdemir dienstlich gesammelte Bonusmeilen privat genutzt und einen vergünstigten Privatkredit bei einem PR-Berater aufgenommen hatte, trat er zurück und legte sein Mandat nieder.
Es folgte eine politische Auszeit in den Vereinigten Staaten, bevor er sich ab 2004 über das Europaparlament schrittweise zurück in den Bundestag arbeitete. Von 2008 bis 2018 war er Bundesvorsitzender der Grünen, seit 2013 sitzt er erneut im Berliner Plenarsaal.
Landwirtschaftsminister und medienwirksamer Wahlkämpfer
Im Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) übernahm Özdemir überraschend das Amt des Bundeslandwirtschaftsministers. Nach dem Bruch der Ampelkoalition führte er zusätzlich das bis dahin von der FDP geleitete Bundesbildungsministerium.
Özdemir gilt als versierter Medienprofi mit ausgeprägter Präsenz in sozialen Netzwerken. Ob beim VfB Stuttgart im Stadion, bei der morgendlichen Fahrradfahrt zu Koalitionsverhandlungen oder beim Brezelnessen in einer Backstube – sein Team dokumentiert seinen Alltag kontinuierlich. Im Wahlkampf wurden Brezeln zum derart prägenden Symbol seiner Kampagne, dass Anhänger auf seiner Wahlparty entsprechende Tattoos stechen ließen.
Strategie der Abgrenzung von der Bundespartei
Die Grünen schnitten ihre Wahlkampfstrategie vollständig auf den Spitzenkandidaten zu: Auf den Plakaten warb die Partei ausschließlich mit Özdemirs Namen, der Parteiname selbst trat deutlich in den Hintergrund. Gemeinsame Auftritte mit dem scheidenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann sollten Özdemir als dessen natürlichen Nachfolger positionieren.
Von Kretschmann übernahm er auch die Strategie der maximalen Abgrenzung von der Bundespartei. Özdemir bezeichnete die Berliner Grünen im Wahlkampf wiederholt als „Schwesterpartei“ und distanzierte sich inhaltlich von deren Positionen – etwa beim geplanten Verbrenner-Aus oder in der Migrationspolitik.
Als künftig einziger grüner Ministerpräsident dürfte sein Einfluss innerhalb der Bundespartei zunehmen. Ähnlich wie Kretschmann wird er voraussichtlich für eine Politik der Mitte eintreten und sich gegen den linken Parteiflügel positionieren.
Privatleben: Neue Ehe inmitten des Wahlkampfs
Mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs heiratete Özdemir im Frühjahr seine Partnerin Flavia Zaka. Die 40-jährige Juristin stammt aus Kanada; Özdemir zufolge lernten sich beide auf einer Geburtstagsparty kennen.
Zuvor war er rund 20 Jahre mit der Journalistin Pia Castro verheiratet, bevor das Paar im November 2023 seine Trennung bekanntgab. Aus dieser Ehe gehen eine Tochter und ein Sohn hervor.
