Arbeitszeitdebatte in Deutschland: Unternehmer und Politiker fordern Abkehr von der 35-Stunden-Woche

Eine Debatte mit wirtschaftlichem Gewicht

Die Forderung ist nicht neu, gewinnt jedoch an Schärfe: Führende Unternehmer und Politiker in Deutschland sprechen sich zunehmend offen für eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche aus. Hintergrund ist die anhaltende Schwäche des deutschen Industriestandorts, der mit hohen Energie- und Lohnkosten sowie sinkender internationaler Wettbewerbsfähigkeit konfrontiert ist.

Im Mittelpunkt der aktuellen Debatte steht Martin Herrenknecht, Gründer und langjähriger Chef des gleichnamigen Tunnelbaukonzerns. Der 84-jährige Unternehmer fordert die 40-Stunden-Woche als verbindlichen Standard sowie steuerliche Anreize für Beschäftigte, die freiwillig darüber hinaus arbeiten möchten. Seine Argumentation stützt sich auf einen Vergleich mit der Schweiz: Dort arbeiteten Beschäftigte im Durchschnitt 42 Stunden pro Woche — rund 250 Stunden mehr pro Jahr als ihre deutschen Pendants.

Stimmen aus der Industrie

Herrenknecht steht mit dieser Position nicht allein. Nikolas Stihl, Aufsichtsratsvorsitzender des Kettensägenherstellers Stihl, erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, Deutschland habe sich die 35-Stunden-Woche in wirtschaftlich günstigen Zeiten leisten können — diese Bedingungen seien heute nicht mehr gegeben. Er sprach sich ausdrücklich für eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne entsprechenden Lohnausgleich aus, da dies die Arbeitskosten unmittelbar senken würde.

Eine differenziertere Position nahm Martin Brudermüller, Aufsichtsratsvorsitzender bei Mercedes-Benz, ein. Er forderte im Handelsblatt ebenfalls die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche, jedoch bei gleichbleibendem Gehalt. Die IG Metall reagierte auf diese Forderung mit bundesweiten Protestaktionen bei dem Stuttgarter Automobilhersteller — ein Zeichen dafür, wie aufgeladen das Thema in der Tarifpolitik bleibt.

Sarna Röser, Unternehmerin und Initiatorin der Initiative Unternehmer in Bewegung, verlagert den Fokus der Debatte: Sie sieht das zentrale Problem weniger in der Wochenstundenzahl als in strukturellen Standortmängeln und einer aus ihrer Sicht zu rigiden Gewerkschaftspolitik. Ihrer Einschätzung nach habe eine Kombination aus politischen Fehlentscheidungen und tariflichen Rahmenbedingungen Arbeit in Deutschland systematisch verteuert.

Rechtlicher Rahmen und statistische Realität

Ein häufig übersehener Aspekt der Debatte: Die 35-Stunden-Woche ist in Deutschland gesetzlich nicht vorgeschrieben. Sie gilt als tarifvertraglicher Standard vor allem in der Metall- und Elektroindustrie, also in jenem Sektor, der gegenwärtig unter besonderem wirtschaftlichem Druck steht. Für die Mehrheit der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland liegt die tatsächliche Wochenarbeitszeit deutlich höher.

Laut aktuellen Daten für das Jahr 2025 arbeiten Vollzeitbeschäftigte in Deutschland im Durchschnitt 39,9 Stunden pro Woche — ein Wert, der die öffentliche Debatte in ein anderes Licht rückt. Die vieldiskutierte 35-Stunden-Woche beschreibt damit weniger die Realität des deutschen Arbeitsmarkts insgesamt als vielmehr die tarifliche Situation in bestimmten, besonders exponierten Branchen.

Die politische Dimension

Auch in der Politik findet die Forderung nach längeren Arbeitszeiten Gehör, wenngleich mit unterschiedlicher Akzentuierung. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach sich im Juli in einem Interview mit der Welt für eine Anpassung der Arbeitszeiten aus, ohne dabei eine generelle Mehrbelastung für alle Beschäftigten zu fordern.

Kretschmer formulierte seine Position in pragmatischen Begriffen: Eine moderate Ausweitung der Arbeitszeit bei gleichem Entgelt sei, über einen Zeitraum von fünf Jahren betrachtet, einem Arbeitsplatzverlust vorzuziehen. Produktivitätssteigerung, nicht bloße Stundenausweitung, stehe dabei im Vordergrund.

Strukturelle Fragen bleiben offen

Eine konsensuale Antwort auf diese Fragen zeichnet sich derzeit nicht ab. Die Positionen der Arbeitgeberseite und der Gewerkschaften liegen weit auseinander, und die politischen Akteure bewegen sich zwischen beiden Polen mit erkennbarer Vorsicht. Fest steht, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands — insbesondere in der Automobilindustrie und im verarbeitenden Gewerbe — den Druck auf bestehende Arbeitszeitmodelle in den kommenden Monaten weiter erhöhen dürfte.