Korruptionsvorwürfe gegen Andrij Jermak: Selenskyjs früherer Stabschef angeklagt

Korruptionsvorwürfe gegen Andrij Jermak: Selenskyjs früherer Stabschef angeklagt

Die ukrainische Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) hat Andrij Jermak (54), den früheren Leiter des Präsidialamts und einstigen Chefunterhändler für Friedensgespräche mit Russland, offiziell angeklagt. Jermak wird der Geldwäsche im Zusammenhang mit dem staatlichen Atomkonzern Energoatom beschuldigt. Die Ankündigung erfolgte im Rahmen einer umfassenden Korruptionsermittlung, die bereits seit dem vergangenen Jahr läuft.

Vorwürfe: Luxusimmobilien und veruntreute Gelder

Laut Ermittlerkreisen, auf die der Kyiv Independent Bezug nimmt, soll Jermak Teil eines Systems gewesen sein, das öffentliche Mittel in den Bau luxuriöser Wohnanlagen in der Nähe von Kiew umgeleitet hat. Eines dieser Anwesen soll nach Angaben der Ermittler für Jermak persönlich bestimmt gewesen sein.

Der Beschuldigte äußerte sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe knapp: „Ich werde mich äußern, sobald die Ermittlungen abgeschlossen sind.“ Bereits im November 2025 hatte die ukrainische Zeitung Ukrainska Prawda berichtet, dass Jermak in den Skandal verwickelt sei und von Ermittlern intern unter dem Decknamen „Ali Baba“ geführt werde.

Rund 100 Millionen US-Dollar im Mittelpunkt der Ermittlungen

Der Energoatom-Komplex gilt als eine der größten Korruptionsaffären der Ukraine seit dem Amtsantritt von Präsident Selenskyj im Jahr 2019. Das Gesamtvolumen der mutmaßlich veruntreuten Mittel wird auf rund 100 Millionen US-Dollar geschätzt.

Insgesamt wurden bislang neun Verdächtige angeklagt. Zu den Beschuldigten zählen neben Jermak auch hochrangige ehemalige Regierungsvertreter, darunter der frühere Vizepremierminister Oleksiy Tschernyschow (48) sowie der ehemalige Energieminister German Galuschtschenko (52).

Politische Tragweite: Enger Vertrauter Selenskyjs unter Verdacht

Die politische Brisanz des Falls ergibt sich vor allem aus der langjährigen persönlichen Nähe zwischen Selenskyj und Jermak. Beide lernten sich in der ukrainischen Filmbranche kennen — Jermak als Produzent und Rechtsanwalt, Selenskyj als Schauspieler und Komiker. Nach Selenskyjs Wahlsieg 2019 stieg Jermak rasch im Präsidialamt auf und galt während des Krieges als einer der einflussreichsten Akteure im politischen Hintergrund.

Im Zuge des eskalierenden Ermittlungsdrucks, der unter anderem Hausdurchsuchungen umfasste, trat Jermak Ende 2025 von seinem Amt zurück. Sein Rücktritt markierte das Ende einer politischen Karriere, die eng mit der Präsidentschaft Selenskyjs verknüpft war.