AfD und Medien: Zwischen Dämonisierung und Verharmlosung

Als die Alternative für Deutschland vor dreizehn Jahren gegründet wurde, zirkulierte in deutschen Redaktionen eine Empfehlung, die damals wie ein Grundprinzip wirkte: Man solle nicht über die Stöckchen springen, die die Partei den Medien hinhalte. Der Zusatz, der dieser Warnung unmittelbar folgte, war der eigentlich substanzielle: Wenn man es dennoch tue, komme es entscheidend darauf an, wie. Berichterstattung über die AfD sei legitim und notwendig — aber sie müsse auf nachvollziehbaren Fakten beruhen, einordnen statt moralisieren und solide recherchiert sein. Diese Empfehlung galt damals als Antwort auf einen neuartigen, harten Populismus, der mit Halbwahrheiten operierte. Sie wäre im Grunde für jede Partei ein vernünftiger Maßstab gewesen.

Dreizehn Jahre später stellt sich die Frage, was aus dieser elementaren Maxime geworden ist. Die AfD verbucht bundesweit Zustimmungswerte von knapp 30 Prozent, in Sachsen-Anhalt überschreiten sie die 40-Prozent-Marke. Die Partei ist zur neuen Volkspartei geworden und steht vor realistischen Regierungschancen. In diesem veränderten Kräfteverhältnis lassen sich in der deutschen Medienlandschaft zwei gegensätzliche, aber gleichermaßen problematische Reaktionsmuster beobachten: Dämonisierung auf der einen, Verharmlosung auf der anderen Seite.

Zwei Fälle, zwei entgegengesetzte Fehler

Der Spiegel druckte jüngst ein Titelbild, das Ulrich Siegmund, den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, im Stil eines Fahndungsfotos zeigte und ihn als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ bezeichnete. Solche Superlative entsprechen selten der Realität; sie entspringen in der Regel dem Streben nach Aufmerksamkeit und hohen Verkaufszahlen. Für Siegmund und seine Parteikollegen war das Titelblatt eine kalkulierbare Vorlage: Siegmund signierte es dutzenfach auf Wahlkampfveranstaltungen, Parteikollegen projizierten ihre eigenen Gesichter auf die Vorlage und verbreiteten die modifizierten Versionen massenhaft in sozialen Netzwerken — begleitet von ironischen Grüßen an die Redaktion. Als der Chefredakteur des Magazins in einem nachträglichen Erklärbeitrag darauf bestand, Siegmund sei für „liberale Demokraten“ nun einmal der „gefährlichste Mann Deutschlands“, verabsolutierte er die eigene Position auf eine Weise, die jede Kritik implizit in den Bereich des Illegitimen rückte: Wer die Titelzeile für überzogen hielt, galt damit als kein liberaler Demokrat mehr.

Das entgegengesetzte Muster zeigte sich im Focus, wo der Kolumnist Jan Fleischhauer im Programm der AfD Sachsen-Anhalt kein nennenswertes Problem erkennen wollte. Dieses Programm enthält unter anderem folgende Forderungen:

Keine dieser Forderungen erwähnte Fleischhauer in seinem Beitrag. Stattdessen stellte er lapidar fest, Siegmund wolle lediglich die guten alten 1990er-Jahre zurückbringen, und suggerierte, man gelte in linken Kreisen bereits als rechts, wenn man einen Scheitel oder Zöpfe trage. Ähnlich gelagerte Verharmlosungen finden sich regelmäßig auch in Kommentarspalten der Welt. Beide Haltungen — die des Spiegel wie die Fleischhauers — verfehlen den Anspruch sachlicher Einordnung, wenn auch aus entgegengesetzten Richtungen.

Die strukturellen Ursachen dieser Fehlentwicklungen sind nicht schwer zu benennen. In Redaktionen, die unter Zeit- und Reichweitendruck arbeiten und seit Jahren mit Personalabbau konfrontiert sind, verstärkt die Logik sozialer Medien den Anreiz zur Polarisierung: Je zugespitzter der Inhalt, desto größer die Verbreitung. Linksorientierte Medien reagieren auf den Aufstieg der AfD mit Alarmismus, rechtsorientierte mit kaum verhohlener Sympathie, und die breite Mitte der Medienlandschaft kämpft mit Orientierungslosigkeit. Die Partei, die einst als „Mainstream-Medien“ beschimpfte, was ihr missfiel, hat damit einen realen Effekt erzielt: Sie hat den Kompass mancher Redaktionen destabilisiert.

Guter Journalismus hätte in dieser Lage die Aufgabe, den Unterschied zu machen — weder zu dämonisieren noch zu verharmlosen, sondern zu recherchieren, einzuordnen und auf der Grundlage dokumentierter Fakten zu berichten. Das ist kein neues Prinzip. Es ist dasselbe, das vor dreizehn Jahren formuliert wurde, als die AfD noch eine Randerscheinung war. Dass es heute, da die Partei eine zentrale politische Kraft darstellt, offenbar schwerer einzuhalten ist als damals, beschreibt das eigentliche Problem der deutschen Medienlandschaft in diesem Moment präziser als jedes Titelblatt.