Seit mehr als vier Jahren wehrt sich die Ukraine gegen eine russische Invasion, die im Februar 2022 mit dem großangelegten Einmarsch russischer Streitkräfte ihren Ausgangspunkt nahm. In den vergangenen Wochen rückte die ukrainische Hauptstadt Kiew dabei wiederholt in den Fokus besonders intensiver russischer Luftangriffe, bei denen ballistische Raketen eingesetzt wurden – Waffen, die aufgrund ihrer Geschwindigkeit und Flugbahn nur schwer abzufangen sind.
In der Nacht des jüngsten Angriffs waren Dutzende Explosionen im Zentrum der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt zu hören, wie ein vor Ort anwesender Reporter berichtete. Ein Teil der Detonationen stammte nach Einschätzung von Beobachtern von Flugabwehrraketen, die zur Abwehr der eingehenden Geschosse eingesetzt wurden. Die ukrainische Luftwaffe gab an, dass mehr als zwei Dutzend ballistische Raketen auf Ziele in der Hauptstadt und ihrer unmittelbaren Umgebung abgefeuert worden seien.
Am Morgen nach dem Angriff veröffentlichte der Kiewer Zivilschutz erste Schadensmeldungen: Demnach kam mindestens ein Mensch ums Leben, 16 weitere wurden verletzt. Bürgermeister Vitali Klitschko bestätigte, dass Brände in mehreren Stadtteilen ausgebrochen seien, darunter in einem Wohnheim, einem Wohnhaus sowie einem Supermarkt. Die genaue Schadenshöhe blieb zunächst unklar.
Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte seinerseits eine Erklärung, in der es die angegriffenen Ziele als militärisch relevant bezeichnete. Demnach seien in Kiew ein großes Logistikzentrum der Post, das angeblich zur Lagerung von Waffenbauteilen genutzt werde, sowie mehrere Betriebe zur Produktion von Raketenkomponenten beschossen worden. Im Kiewer Gebiet sei zudem ein Zentrum zur Aufbewahrung und Verteilung von Elementen für die Herstellung weitreichender Drohnen getroffen worden. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben war zum Zeitpunkt der Meldung nicht möglich.
Gleichzeitig meldete das Ministerium in Moskau erneute Angriffe auf die Hafeninfrastruktur im Süden der Ukraine. Im Raum Odessa seien Anlagen zur Lagerung militärischer Güter sowie von den ukrainischen Streitkräften genutzte Treibstoffdepots beschossen worden. Die Ukraine veröffentlicht – wie Russland – grundsätzlich keine Informationen zu Schäden an militärisch genutzten Objekten, was eine unabhängige Lagebeurteilung systematisch erschwert.
Der jüngste Angriff fällt in einen Kontext, der die strukturellen Grenzen der ukrainischen Luftverteidigung erneut sichtbar macht. Mit westlicher Unterstützung, insbesondere aus Deutschland, wurde die Flugabwehr der Ukraine in den vergangenen Jahren modernisiert und teilweise erheblich ausgebaut. Zuletzt hatte Kiew jedoch öffentlich auf einen kritischen Mangel an Abfangraketen für das Patriot-System hingewiesen, das speziell zur Bekämpfung ballistischer Raketen ausgelegt ist – ein Engpass, der die Wirksamkeit der Luftverteidigung in Fällen wie diesem unmittelbar beeinträchtigt.
